Zusammenfassung von Meinrad Limbeck: alles Leid ist gottlos (5)

III. „Schläft ein Lied in allen Dingen …“

Israels Gott will keinen Gehorsam

Die Bibel kennt nach Meinung Limbecks weder „gehorchen“ noch „Gehorsam“, das sind seiner Überzeugung nach Interpretationen der Übersetzer.

Besser übersetzt man die entsprechenden Stellen mit der Tätigkeit „hören“, nicht mit der Haltung „Gehorsam“. Das hebräische Wort sâma hat einen weiten Bedeutungsempfang, wird aber oft sehr spezifisch gebraucht: der Hörende nimmt sich das Gehörte zu Herzen und richtet sein Verhalten danach aus: „Die Idee ‚Gehorsam‘ war Israel einfach fremd!“ (S.26).
Der Beleg: die griechische Sprache bietet die Möglichkeit, sehr genau zwischen „hören“ und „gehorchen“ zu unterscheiden. Die Übersetzer der Septuaginta (abgekürzt: LXX) aber verwendeten ausnahmslos „hören“ (akouein).
Belege aus dem ersten Makkabäerbuch zeigen, dass der Übersetzer sehr wohl das Wort „gehorchen“ kannte, aber vermied, es einem Juden in den Mund zu legen.
„Die Tora zielt nach Israels Verständnis nicht auf unseren Gehorsam, sie will gehört werden!“ (S.29) Dies gilt auch für Jesus und seine Verkündigung.
Gottes Weisungen wollen Einsicht, Verständnis und Zustimmung; die falsche Übersetzung mit „Gehorsam“ suggeriert dagegen einen Anspruch, der die Empfänger zu stummen Sklaven macht, die widerspruchslos ausführen, was man ihnen sagt.

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2 Gedanken zu „Zusammenfassung von Meinrad Limbeck: alles Leid ist gottlos (5)

  1. In wie weit wird Limbecks „Meinung“, dass die Bibel weder gehorchen noch Gehorsam kennt von den Klerikern mitgetragen? bzw. angegriffen?
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies ohne Wiederspruch so stehengeblieben ist!

    • Im Laufe der Glaubensgeschichte der Kirche wurde der Gehorsam immer mehr betont, bis hin zu Augustinus, der im Gehorsam die „Mutter aller Tugenden“ sah (nach Michael Theobald: Art. Gehorsam, I.Biblisch-theologisch., in LThK 3, Sonderausgabe 2006, Bd.4, 359). Unbestritten ist, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen (im NT mehrmals, z.B. Gal 5,7) und dass Gehorsam gegenüber (oder vielleicht doch besser: Hören auf) Gott frei macht und eben nicht versklavt, sowie nicht im Gegensatz zur Freiheit des Menschen steht. Kirchliche Autorität hat m.E. dann unbedingten Anspruch auf Gehorsam, wenn und insofern sie mit dem Willen Gottes deckungsgleich ist. In dem Maße, wie das dem einzelnen uneinsichtig wird, schwindet natürlich auch die Einsicht in die Legitimität von Gehorsamsforderungen. Umgekehrt wächst die Bereitschaft zum Gehorsam mit dem Vertrauen, das der Autorität entgegengebracht wird, und in dem Maße, in dem sich die Autorität als dieses Vertrauens würdig erweist.
      Das Kirchenrecht fordert „christlichen Gehorsam“ in can. 212 §1. Interessant ist die Qualifizierung „christlich“. Dazu sagt der Kommentar von Reinhild Ahlers (Handbuch des katholischen Kirchenrechts, 2.Aufl., Regensburg 1999, S.225): „Es soll sich dabei nicht um einen blinden Gehorsam handeln, sondern schließt das Bewusstsein der eigenen Verantwortung ein.“ Anders kann das nach der Erfahrung des blinden Gehorsams und seines Missbrauchs in der Geschichte (nicht nur) des 20.Jahrhunderts m.E. nicht gesagt werden.

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