Schwangerschaftsabbruch – die Position von Eberhard Schockenhoff

Im Rahmen des Religionsunterrichts habe ich versucht, aus dem Buch von Eberhard Schockenhoff: Ethik des Lebens, Mainz, 3.Aufl. 2000, S.304-340 seine Position zum Schwangerschaftsabbruch in auch für Schüler verständliche Sätze zusammenzufassen.

Die Entstehung menschlichen Lebens fällt in die unmittelbare Nähe der Empfängnis. Der genetische Rahmen, innerhalb dessen sich dieses menschliche Leben entwickeln kann, ist damit gegeben. Die Redeweise von der „befruchteten Eizelle“ wird dem nicht gerecht, denn sie erweckt den Eindruck, als handele es sich lediglich um den Übergang der Eizelle vom unbefruchteten in den befruchteten Zustand → in Wirklichkeit beginnt damit aber die Existenz eines neuen menschlichen Wesens. Menschliches Leben entwickelt sich nicht zum menschlichen Leben, sondern ist von Anfang an menschliches Leben.

Es gibt drei hauptsächliche Argumente, dem ungeborenen Leben den Status „Person“ genauso zuzuerkennen wie dem geborenen Kind:

  • Identität: Der menschliche Embryo ist keine Sache, sondern ein „Jemand“, der später „ich“ sagen und die eigene Existenz mit seinen Anfängen im Mutterleib in Verbindung bringen kann. Wir waren alle einmal schutzbedürftige, auf das Wohlwollen anderer angewiesene Embryonen.
  • Potentialität: Die Zelle, die durch die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle entsteht, besitzt schon alles, was es braucht, um sich zu einem Menschen wie ich und du zu entwickeln, vorausgesetzt, man entzieht ihr nicht die Lebensgrundlage, die sie natürlicherweise in der jeweiligen Phase braucht. Eine Person ist man unteilbar und ohne Abstufung: entweder etwas ist Person oder nicht.
  • Kontinuität: Die menschliche Existenz verläuft in einem Kontinuum, das sich zwar einteilen lässt, aber ein- und derselben Person gehört. Zu jedem Zeitpunkt vor und nach der Geburt hat das menschliche Wesen seine eigene Zukunft mit ihren unverfügbaren Lebenschancen vor sich, alle anderen Einteilungen sind willkürlich. Das menschliche Wesen ist vor der Geburt nicht ein anderes menschliches Wesen als nach der Geburt.

Es gibt also die Wahl zwischen 2 Alternativen: entweder erkennen wir den Embryo als Person an, dann ist er auch schutzwürdig, oder wir erkennen ihn nicht als Person an, dann ist Person-Sein abhängig vom Vorhandensein bestimmter Merkmale. Dann kann es auch sein, dass Menschen in späteren Lebensphasen durch Unfall, Krankheit o.ä. nicht mehr Personen und damit nicht mehr schutzwürdig sind.

Wer Abtreibung befürwortet, gibt dem Selbstbestimmungsrecht der Mutter im Konflikt den Vorrang vor dem Lebensrecht des Kindes.

Aber:

  • Für das Kind geht es um alles, um Leben oder Tod. Welches Gut ist höher als das?
  • das Kind ist kein Fremder, es ist der Mutter und den Eltern ihr eigenes Kind → jeder Zeugungsakt schließt auch die Bereitschaft zur Verantwortung ein.
  • wenn es ethisch zulässig wäre, das Selbstbestimmungsrecht höher als das Lebensrecht zu werten, dann wäre auch die Tötung jedes anderen Menschen rechtmäßig, der mir irgendwie im Wege stünde, und je abhängiger derjenige von mir wäre, desto eher wäre es erlaubt.

Freilich gibt es Konfliktfälle:

  • vitale Indikation: wenn die Fortführung der Schwangerschaft die Mutter in unabwendbare Lebensgefahr bringen würde → ausweglose (!) Konkurrenz zwischen zwei gleichrangigen (!) Rechtsgütern → das rettbare Leben darf in diesem Fall dem unrettbaren vorgezogen werden
  • eugenische Indikation: behinderte oder kranke Kinder sollen abgetrieben werden dürfen → wer bewertet, welches Lebens lebenswert ist? Dürfen kranke, geborene Kinder dann auch getötet werden?
  • psychosoziale Indikation: man kann der Mutter nicht zumuten, das Kind zu unterhalten → in einem sozialen Rechtsstaat müssen Belastungen anders als durch die Tötung eines Unschuldigen zu beheben sein
  • kriminologische Indikation: Vergewaltigung ist ein abscheuliches Verbrechen → die Schuld an einer Abtreibung fällt in diesem Fall aber auf den Vergewaltiger zurück

Insgesamt: die Frau wird in vielen Fällen straffrei bleiben und ohne zurechenbare persönliche Schuld handeln, das Verständnis für die Umstände darf aber nicht mit einer Rechtfertigung verwechselt werden

In aller Regel beruhen Schwangerschaftskonflikte auf einer Dreiecksbeziehung mit dem Mann als stärkstem und dem Kind als schwächsten Glied → man muss bei den Männern das Bewusstsein für ihre Verantwortung stärken und einfordern.

3 Gedanken zu „Schwangerschaftsabbruch – die Position von Eberhard Schockenhoff

  1. Vor allem der letzte satz ist doch interessant, aber ist das nicht eine etwas einfach geratene Erklärung für Schwangerschaftskonflikte… liegt nicht auch ein Problem in der Gesellschaft vor, in der es immer mehr Meinungen gibt, die die Abtreibung, dem Lebensrecht des Kindes vorziehen. Und das ist nur ein Beispiel für den Druck von Außen, ein Weiteres ist doch auch die Frage nach dem persönlichen Umgang der Moral bzw. dem Glauben, den die Betroffene nur mit sich und im Gebet klären kann, und genau an dieser Stelle, dem persönlichen Umgang, tritt doch auch die Frage nach der eigenen Haltung auf, die auch die Frage nach der Erziehung des einzelnen beinhaltet, denn diese prägt uns. Also muss man doch hier ansetzten und den Wert des menschlichen Lebens klar und deutlich vermitteln, denn wenn diese nicht, oder nur unzureichend, stattfindet ist es kein Wunder, dass sich später Frauen zu einer Abtreibung entscheiden und dass diese Haltung schon eine gesellschaftliche Basis gefunden hat. Gerade hier hat man als Christ die Pflicht, den Wert des menschlichen Lebens unmissverständlich klar zu vertreten, denn wenn wir nicht zum Leben ja sagen können, leben wir dann nicht in einer gesellschaft des Todes, die den Tod begünstigt und das Leben verneint?

  2. Ich bin dabei, meine Diplomarbeit (itak.) in Moraltheologie zum Thema Abtreibung insbes. § 194/78 ital. Gesetzbuch zu schreiben.
    Nach eingehendem Studium des Buches eines bekannten ital. Autors u. Abtreibungsbefürworters, Prof. für Biologie an einer ital Uni, bin ich zum Schluss gekommen, dass das Hauptargument, das wie ein roter Faden durch das Buch geht, darin besteht, dass das Embryo nicht als Person bezeichnet werden kann. Nachdem ich auch Bücher von Abtreibungsgegnern u. versch. Enzykliken zur Sache durchstudiert hatte, bin ich zum Schluss gekommen, dass es nach meiner Ansicht nicht darum geht, das Embryo unbedingt als Person zu bezeichnen, denn Tatsache ist, dass das menschl. Embryo sehr wohl aus dem Verschmelzen der Geschlechtszellen von Mann u. Frau entsteht, die auch von Abtreibungsbefürwortern als Personen bezeichnet werden müssen. Die Kongregation für die Glaubenslehre erklärt in der Instruktion “Donum vitae” (Präf. Card. Ratzinger 22.02.1987) nach dem ital Text: «L’essere umano è da rispettare – come una persona – fin dal primo istante della sua esistenza» = «Das menschl. Wesen ist zu respektieren – wie eine Person – u. zwar vom ersten Augenblick seiner Existenz an». Ich glaube, dass das die richtige Antwort ist. Ferner hat das Embryo bereits sofort ein eimaliges DNA-Bild, in dem Generationen rückverfolgt werden können. Wenn ich dem Embryo das Prädikat Individuum entziehe, ist es auch jenen entzogen, die das Embryo gezeugt haben. Selbst ein geborenes Kind hat noch nicht die Vollkraft des Verstandes, der sich nach u. nach entwickeln muss: ein Kind wird jedoch von den Abtreibungsbefürwortern als Person anerkannt… Daher ist die banale u. unbegründete Aussage, dass das Embryo nur ein „Klumpen Fleisch” sei bei den Haaren herbeigezogen! Ich bin zum Schluss gekommen, dass das Argument „Person” bzgl. Embryo vom Problem Abtreibung ablenkt, wie es von den Abtreibungsbefürwortern gern betrieben wird. In Wirklichkeit berührt das Thema praktisch alle menschl. Bereiche u. nicht zuletzt jene der Moral u. der Philosophie.
    Im übrigen müssen auch die sozialen u. menschlichen Komponenten berücksichtigt werden, nicht zuletzt das Post-Abtreibungs-Syndrom mit oft dramatischen Auswirkungen.

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