Rechtfertigung bei Martin Luther

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Bei Martin Luther

Martin Luther, so hat man festgestellt, hat Thomas von Aquin über seine Lehrer meist getreulich überliefert bekommen, in der Gnadenlehre jedoch nicht.

Er lehnt daher die Gnadenlehre, wie er sie in ihrer spätscholastischen Form über die via moderna kennenlernt, völlig ab. Besonders drei Aspekte sind ihm ein Dorn im Auge:

(1) Die via moderna verlangt: der Mensch muss Gott vollkommen lieben und kann das auch, wenigstens für einen Augenblick, für den ersten Schritt, kann er aus natürlichen Kräften Gott lieben. Und wer diesen ersten Schritt getan hat, dem versagt Gott die Gnade und die Hilfe seiner Gnade nicht. Luther macht aber die Erfahrung, dass ihm das so nicht gelingt, wenigstens nicht anhaltend. Es setzt ihn unter Druck und macht ihm Angst, weil er sich nicht sicher sein kann, die vollkommene Gottesliebe schon zu haben.

(2) Luther beichtet aus Angst vor dem jüngsten Gericht fast täglich. Die via moderna behauptet: die Absolution in der Beichte gilt nur bedingungsweise, insofern ich aus Liebe zu Gott bereut habe und nicht nur aus Angst vor Strafe. Die Wirkung auf Luther: noch mehr Unsicherheit.

(3) Die via moderna behauptet: Gnade ist bleibende Verbundenheit mit Gott, eine Qualität der Seele und folgert daraus: Es ist vom Menschen gefordert, Gnade zu erwerben bzw. zu haben. Luther wehrt sich dagegen: Was ist daran noch Gnade, wenn gefordert werden kann, sie zu haben?

Luther macht sich an eine ganz andere Konzeption:

  • zu 3): Heiligkeit ist nicht Substanz, sondern Beziehung.
  • zu 2): Das Wort Christi in Mt 16,19b vom Lösen gilt ja wohl, die Absolution kann daher nicht bedingungsweise sein, ohne dass Christus als Lügner dasteht.
  • zu 1): Anstelle des Tuns tritt der Glaube, gedacht als felsenfestes Vertrauen auf die Verheißung in Christus, diesen Glauben gibt es nur als Geschenk, der Mensch, der erkennt, Christus für mich gestorben und auferstanden, nimmt dieses Geschenk an und wird dadurch auch in seinem Leben verwandelt.

Dieser Glaube zeigt sich im sittlichen Tun, oder er ist kein Glaube – Gottes Tun kann nicht ohne Folgen bleiben. Damit wehrt sich Luther gegen Vorwürfe, er predige einen Glauben, der ohne „Werke“ auskomme und sei damit ethisch fahrlässig.

„Aber Glaube ist ein göttliches Werk in uns, das uns wandelt und neu gebiert aus Gott,
(Joh 1, 13), und tötet den alten Adam, macht uns ganz zu andern Menschen von Herz,
Mut, Sinn und allen Kräften und bringet den heiligen Geist mit sich. O, es ist ein leben-
dig, geschäftig, tätig, mächtig Ding um den Glauben, dass unmöglich ist, dass er nicht
ohne Unterlass sollte Guts wirken. Er fragt auch nicht, ob gute Werke zu tun sind, son-
dern ehe man fragt, hat er sie getan und ist immer im Tun. Wer aber solche Werke nicht
tut, der ist ein glaubensloser Mensch, tappt und sieht um sich nach dem Glauben und
guten Werken und weiß weder, was Glaube oder gute Werke sind, und wäscht und
schwätzt doch viel Worte vom Glauben und guten Werken.
Glaube ist ein lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiss, dass er
tausendmal drüber stürbe, und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht
fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreaturen, welches der heilige Geist tut
im Glauben. Daher ohne Zwang willig und lustig wird, jedermann Gutes zu tun, jeder-
mann zu dienen, allerlei zu leiden, Gott zu Lieb und Lob, der ihm solche Gnade erzeigt
hat, also, dass es unmöglich ist Werke vom Glauben zu scheiden, ebenso unmöglich, wie Brennen und Leuchten vom Feuer mag geschieden werden.“
(Vorreden zum Neuen Testament, zitiert nach M. Luther, Ausgewählte Werke, Bd. 6, Kaiser-Verlag München 31968 , S. 89f., leicht modernisierte Orthographie. – Zitiert nach Prof. Dr. Wilfried Härle: Luthers Rechtfertigungsverständnis, S.7)

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