Womit habe ich das verdient? Teil 4

Zum ersten Teil.

Jesu Antwort auf das Leid

Jesus hat kein Konzept zum Leid entwickelt, keine fertigen Antworten auf die Frage nach dem Warum, aber man kann sein Leben anschauen.

Jesus wendet sich besonders den Armen und Leidenden zu, um ihre Not zu wenden. Er spricht ihnen die Nähe Gottes zu und lässt sie die Zuwendung Gottes auch konkret erfahren, indem er Menschen heilte und von ihren Krankheiten und „trüben Geistern“ (S.26) befreite. Jesus hat auch selbst Leid auf sich genommen, ist in das menschliche Leid hineingegangen. Warum Jesus diesen Weg ging, was Gott dazu bewogen hat, dies zuzulassen, wissen wir nicht. Wir können nur die Schilderungen der Evangelien und ihre unterschiedlichen Perspektiven wahrnehmen.

Im Markusevangelium erscheint Jesus im ersten Teil als vollmächtig, im zweiten Teil als ohnmächtig. Aber gerade in der Ohnmacht und mit seiner Liebe besiegt er die Dämonen und das Böse dort, wo es sich am grausamsten austobt. „Das Leid hat demnach also die Wirkung, das Dunkle dieser Welt auszuleiden und gleichsam durch Liebe zu verwandeln.“ (S.28). In der tiefsten Finsternis, in der größten Ohnmacht vermag Jesus durch die Liebe die Finsternis und den Tod zu entmachten und den Zugang zu Gott für alle zu öffnen. Gott befreit uns nicht von allem Leid, aber er stärkt uns, das Leid auszuleiden und das Dunkle „in einen Ort tiefer Gottesoffenbarung“ von innen her zu verwandeln. P. Anselm findet diese Gedanken in den Briefen und Schriften von Teilhard de Chardin wieder. Gerade im unsagbaren Leid können wir Gott entdecken.

Der Evangelist Matthäus deutet das Leiden Jesu nicht. Das Gebet im Garten Gethsemani zeigt, wie Jesus erkennt, dass er dem Leiden nicht aus dem Weg gehen darf, um der Solidarität mit seinen Jüngern, um der Klarheit seiner Botschaft willen. Jesus lebt vor, was er seinen Jüngern verkündet hat. Er ringt mit Gott, und ergibt sich doch in den Willen Gottes, im Vertrauen, dass Gott ihn auch dann in seiner Hand hält. Zitate aus dem Alten Testament sollen zeigen, dass Jesus auch im Leiden auf Gott vertrauen darf. Nach dem Tod Jesu reagiert der Kosmos, in Christus hat Gott selbst das Leid durchgestanden und verwandelt, und Gott bestätigt seinen Sohn in der Auferstehung. Das Leid hat nicht das letzte Wort. Immer wieder ruft Matthäus in seinem Evangelium zum festen Vertrauen auf Gott auf. Ein starker Glaube hilft, das Leid zu bestehen. Schon am Beginn seines Evangeliums steht sinnloses Leiden durch den sog. Kindermord von Bethlehem. Mitten im Leid beginnt die Heilsgeschichte. Gott wirkt Heil inmitten des Leids, spätestens im Tod wird Gott sich als der zeigen, der immer schon bei uns war.

Lukas schildert Jesus als den gerechten, guten Menschen. Er lässt sich durch das Leiden nicht von seinem Weg abbringen. Wie ein antikes Schauspiel ist das Evangelium gestaltet. Der Held stirbt, aber die Zuschauer werden zur Katharsis, zur seelischen Reinigung und Heilung geführt. Jesus hält seine Liebe durch bis zum Schluss und das Schauen auf die Passion verwandelt uns innerlich, führt zu einem neuen Verständnis des Leidens. Gott vermag alles zu wandeln, er erleuchtet jede Dunkelheit, bricht jede Verzweiflung auf, und führt vom Tod zum Leben.

Johannes schildert Jesus als den souverän Handelnden. Keine Misshandlung vermag ihm seine königliche Würde zu nehmen, denn sein Königtum ist nicht von dieser Welt. Ein Fingerzeig von uns: Wir können dem Leid nicht ausweichen, aber nichts kann uns unsere Würde nehmen, weil sie nicht von dieser Welt ist, ein Raum in uns, in dem Gott wohnt. Ein zweiter, für Johannes wichtiger Gesichtspunkt: Jesus hat uns am Kreuz bis zur Vollendung geliebt. Jesu Liebe zu uns (und darin Gottes Liebe) kennt keine Grenzen. Jesus bleibt dein Freund in allem Leiden. Das Leid, das einen trifft, anzunehmen und in einen Akt der Hingabe an Gott zu verwandeln, dazu lädt das Johannesevangelium ein.

Die Christen im Mittelalter versuchten sich in das Leid Jesu hineinzumeditieren, Mitleid zu empfinden und so seine Liebe stärker zu empfinden. Dadurch entwickelten sie auch ein Gespür für alle Leidenden und setzten sich für sie ein. In manchen Schulen heute gibt es das „compassion“-Projekt, das ähnliches versucht.

Die volkstümlichen Andachten zur Passion, zum Kreuzweg usw. seit dem Mittelalter brachten den Menschen das Leiden Jesu nahe und machten den Menschen Mut, dass auch ihr Leid durch ihn verwandelt würde.

P. Anselm bringt Beispiele für Menschen, denen das Meditieren der Passion die Kraft zum Leben gegeben hat, einen alten Mitbruder, die amerikanischen Sklaven afrikanischer Herkunft in den Spirituals, Martin Luther King, Johann Baptist Metz.

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