Monotheismus und Gewalt

Bei einem Studientag 2004 in der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg hat mein Doktorvater, Prof. Peter Walter, einen Vortrag mit diesem Titel gehalten, dessen Niederschrift mir in den letzten Tagen zugekommen ist, und den ich so interessant finde, dass ich ihn gerne zusammenfassend wiedergeben möchte.

Ausgangspunkt des Vortrags ist die Beobachtung, dass der kontroverse Film „The passion of the Christ“ von Mel Gibson ein blutrünstiges Spektakel inszeniert, das die Geister auch theologisch scheidet. Aber auch sonst wird in der Gegenwartsdiskussion den monotheistischen Religionen, auch dem Christentum, der Vorwurf gemacht, Gewalt zu fördern und zu verbreiten: Richard Dawkins, José Saramago und der Ägyptologe Jan Assmann werden genannt und entsprechend zitiert.

Letzterer entwerfe das Bild eines liebenswerten Polytheismus, dem er den intoleranten Monotheismus gegenüberstellt. Walter stellt dagegen, dass auch polytheistische Gesellschaften gewalttätig waren und sind. Er gibt unumwunden zu, dass die monotheistischen Gesellschaften und unter Berufung auf ihre Religion auch Christen in vormoderner Zeit vielfach entsetzliche Gewalt ausgeübt haben. Aber das spricht noch lange nicht, so Walter, gegen das Stellen der Wahrheitsfrage. Nach seiner Meinung hat das II. Vaticanum hier eine entscheidende Wende vollzogen, indem es lehramtlich anerkannte, dass es auch außerhalb der Kirche Wahrheit gibt, und zwar auch als Bereicherung für die Kirche. Die Wahrheit wird sich nur in Freiheit erkennen lassen und durchsetzen, nicht mit Gewalt. Hinter diese Überzeugung, die freilich in ihrer Umsetzung schwierig und herausfordernd ist, gibt es kein zurück.

Im nächsten Schritt nähert sich Walter dem französischen Kulturtheoretiker René Girard, dessen Grundthese lautet: Nachahmung (Mimesis) bestimme das Leben und Handeln der Menschen. In der Untersuchung griechischer Tragödien und der Bibel hat Girard herausgearbeitet, wie in den Mythen der Völker ein Individuum oder eine Gruppe erst zum Sündenbock gemacht wird, mit der Vernichtung des Sündenbocks dann das Problem für gelöst erklärt und die Gesellschaft dadurch stabilisiert wird. Dieses Verhalten wird in den Mythen immer gerechtfertigt, im Alten und Neuen Testament jedoch nicht. Hier und nur hier werden die unschuldigen Opfer nicht noch einmal gebrandmarkt, im Gegenteil die Mechanismen der Gewalt (bei allen Spuren von Gewalt im Gottesbild, die es auch hier gibt) aufgedeckt und an der Unschuld der Opfer festgehalten. Jesus ermöglicht Zukunft, indem er sagt: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ – er wehrt dem ersten Stein, denn dem ersten Stein werden alle anderen folgen (Mimesis). Jesus selbst wird ein Opfer kollektiver Gewalt, aber im Gegensatz zu den Mythen steht seine Unschuld fest. Das Alte wie das Neue Testament kritisieren die Opfer.

Im Gegensatz zu einer fundamentalistischen Bibelauslegung, mit der Jesus geopfert werden musste, um den Zorn des Vaters zu besänftigen, liegt für Walter die „Notwendigkeit“ des Kreuzestodes Jesu nicht darin, dass Gott ein solches Opfer gewollt oder gebraucht hätte, sondern in den weltimmanenten Mechanismen der Gewalt. Jesus und die Propheten vor ihm haben die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die im Namen Gottes auftreten und handeln, umgebracht werden, wenn sie an ihrer Botschaft festhalten. Und dennoch zieht Gott sein Angebot des Erbarmens nicht zurück. Diese göttliche Stärke kann in menschlichen Augen als Schwäche erscheinen. Nach Léon-Dufour ist der Tod Jesu also unvermeidliche Konsequenz der Treue Jesu zu Gott und den Menschen, seiner Pro-Existenz. In Jesus, der nicht zurückschlägt und auch keinen mit in den Tod reißt, wird der Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt aufgebrochen.

Diese Grundgedanken der Bibel sind von einer kritischen Theologie immer wieder neu in die Gegenwart zu übersetzen, gegenüber allen fundamentalistischen Versuchen und falschen Vereinfachungen. Das Versagen von Kirchenführern und Theologen in den vergangenen 2000 Jahren des Christentums gegenüber dem Gottesbild des eigenen Glaubens braucht und darf dabei nicht beschönigt werden.

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