Ekklesiologische Kennzeichen des Hochmittelalters II

Zum ersten Teil.

Andere Aufgaben der Kirche blieben gleich: Kirchen waren nach wie vor gefragt als Grablege der adligen und zunehmend städtisch-bürgerlichen Oberschicht, die nachgeborenen Söhne und Töchter wurden in kirchlichen Führungsaufgaben oder Klöstern versorgt und spielten im Konzert der familiären Politik mit. Da der Bischof immer mehr juristische und administrative Befugnisse an sich zog, konnte er sich nicht mehr ausreichend seinen geistlichen Pflichten widmen. Manche „Bischöfe“ waren gar nicht mehr zum Bischof geweiht, sondern nur zum Subdiakon, und überließen die religiösen Aufgaben, für welche die Bischofsweihe erforderlich war, den sogenannten „Weihbischöfen“.

Weil das Bischofsamt viel Macht und Ansehen mit sich brachte, wurde die Bischofswahl immer wichtiger. Das Recht zur Bischofswahl zogen nun die Domkapitulare an sich, Priester, die bestimmte Funktionen an der Bischofskirche hatten. Auch sie gewannen an Einfluss auf die (Kirchen-)Politik.

Die Päpste der Zeit waren auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Sie betrachteten sich als Quelle aller geistlichen Vollmacht und auch allen weltlichen Mächten überlegen. Sie beanspruchten die Entscheidung über Krieg und Frieden, die Kaiserkrönung, den rechten Glauben und die Führung der gesamten Christenheit. Weil es zur Durchsetzung dieser Ansprüche jedoch auch taktisches Geschick und Verbündete brauchte, mischten die Päpste munter auf der machtpolitischen Ebene mit. Dazu waren sie auch in der Lage, weil sie mit dem Kirchenstaat selbst über ein beträchtliches Territorium verfügten. Innerkirchlich machten sie ihren Vorrang auf den Synoden und Konzilien geltend.

Für die Spiritualität war das Hochmittelalter eine fruchtbare Zeit: Man begann, sich für das Leben Jesu zu interessieren und brachte es durch Mysterienspiele und Predigten in der Volkssprache auch den einfachen Gläubigen nahe. Das Psalmgebet wurde neu entdeckt und gepflegt, Mystikerinnen und Mystiker vertieften sich in die innere Gottesschau und brachten eine Fülle geistlicher Literatur hervor.

Die immer notwendige Erneuerung der Christen wurde durch die Bußpredigten der Bettelorden und die Erneuerung der Kirche durch die Forderung nach dem Zölibat der Priester angegangen. Der Respekt vor dem Empfang der Eucharistie führte zur Schaufrömmigkeit: Man wagte die Hostie, den Leib des Herrn, nur noch aus der Ferne zu betrachten (Fronleichnam wurde 1264 zum Fest der Gesamtkirche erhoben). Die Aufwertung der Frau führte zu einer kleinen Bildungsrevolution in den Frauenklöstern, wo geweihte Äbtissinen und andere sich eine hohe Bildung aneigneten und als Ratgeberinnen für Bischöfe und Päpste auftraten.

Eine Fülle von Kirchenbildern aus der Antike und der Tradition wurde wieder aufgetan oder neu buchstabiert: die Kirche als Burg, himmlisches Jerusalem, Taube, Frau, mystischer Leib Christi, Arche, Braut, Gewand, Herde.

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