Der Herr sei mit euch – und mit deinem Geiste

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Die Wendung „Der Herr sei mit euch“ mit der entsprechenden Antwort „und mit deinem Geiste“ kommt in der Eucharistiefeier an vier Stellen vor.

Der Satz „Der Herr sei mit euch“ ist eine wörtliche Übernahme aus der Bibel (2 Thess 3,16; Lk 1,28 im Singular; vgl. auch 2 Tim 4,22) und steht der Gattung des Segensspruchs nahe.

Gott mit dir/mit euch – das entspricht den Stellen des AT, in denen Gott selbst zu Wort kommt (vgl. die Offenbarung des Gottesnamens als „Ich-bin-da“), das entspricht auch der Verkündigung der Propheten. Sie stärken damit das Gottvertrauen. Gott schließt einen Bund mit den Menschen, er geht eine Beziehung mit ihnen ein. Er ist ihnen nahe und schenkt, dass die Menschen ihm vertrauen können.

Gott steht mit den Menschen in Beziehung, er ist gegenwärtig. In Lk 1,28 spricht der Engel Maria an, die sachgemäße Übersetzung des griechischen Nominalsatzes ist an dieser Stelle nicht „der Herr sei mit dir“, sondern „der Herr ist mit dir“ – der Engel wünscht nicht zu, sondern stellt fest und macht bewusst. Das sollte auch Konsequenzen für den liturgischen Gebrauch der Wendung haben.

In das Feld dieser Wendung gehört auch der dem Bischof vorbehaltene Eröffnungsgruß „Friede euch“. Diese Wendung entstammt den Ostererzählungen der Evangelien. Der zugesagte Friede ist eine Gabe des Auferstandenen, er ist die Frucht der „ungebrochene[n], uneingeschränkte[n] Gottesgemeinschaft“ (S. 46).

Die Wendung „und mit deinem Geiste“ entstammt dem semitischen Denken. „Geist“ wird dort als Umschreibung für das Ich gebraucht. Es legt sich vom biblischen Gebrauch also nahe, personal zu übersetzen: „und mit dir“ (wie im englischsprachigen Missale).

Dies ist allerdings umstritten. Die Kirchengeschichte und die gegenwärtigen Bestimmungen zeigen eine Uneinigkeit darüber, wer den mit „deinem Geiste“ gemeint ist. Da gibt es die Meinung, angeredet werde das „Pneuma“, die von Christus geschenkte Teilhabe am göttlichen Leben, denn es gehe um eine Vergewisserung der Existenz des glaubenden Menschen im Geist. Es wird festgestellt, dass der Gruß „Der Herr sei mit euch“ seit dem Frühmittelalter für den Amtsträger reserviert ist, so dass dieses wichtige Ruf-Antwort-Ritual bei von sog. Laien geleiteten Gottesdiensten wegfallen muss. Kirchenväter wie Narsai von Nisibis (5.Jh.) übersetzen den Antwortruf sogar mit „und mit deinem priesterlichen Geiste!“.

Ruf und Antwort stellen den Beginn der Eucharistiefeier ganz unter die Zusage der Gegenwart Gottes. Die Autoren plädieren dafür, den Nominalsatz, wie er in der Bibel steht, als solchen zu belassen: „Der Herr – mit euch“. Die Lücke soll bewusst bestehenbleiben. So kann sich jede/r selbst fragen, wo er/sie gerade im Glauben steht und mit entsprechender Stimmung antworten: von bekräftigend bis bittend.

Wie die Übersetzung „sei“ oder „ist“ bleibt auch das Wort „Herr“ in seiner Bedeutung offen. Es kann Gott bezeichnen und auch Jesus Christus. Jeder Vorsteher einer Eucharistiefeier ist aufgerufen, das für sich und im Kontext der gesamten Feier zu reflektieren und dann festzulegen.

Zum Nachlesen: B. Jeggle-Merz/W.Kirchschläger/J.Müller: Der Herr sei mit euch – Und mit deinem Geiste, in: B.Jeggle-Merz/W.Kirchschläger/J.Müller (Hgg.): Gemeinsam vor Gott treten. Die Liturgie mit biblischen Augen betrachten., Stuttgart 2014, 41-55

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