Beten – zu Mt 6,1-6

Für einen Trauergottesdienst – gedacht wurde eines Menschen, der zeitlebens viel gebetet hat – habe ich diese Ansprache verfasst:

Natürlich ist nicht nur an dieser Stelle von Beten in der Bibel die Rede. Im Gegenteil: das Thema „Beten und Gebet“ durchzieht die ganze Bibel, Altes und Neues Testament.

Wenn wir ins Alte Testament schauen, dann fällt uns sofort die Sammlung der Psalmen auf. 150 Lieder und Gebete, in denen die Menschen alle Situationen ihres Lebens vor Gott getragen haben. In den Psalmen findet sich sowohl die Klage, bis hin zum Schrei der Verzweiflung, als auch Lob und Dank und Freude. Ein immer wiederkehrendes Thema ist das Vertrauen. In manchem Psalm muss sich der, der da betet, auch erst zum Vertrauen durchringen. Auch das gehört zum Beten dazu.

Wenn wir ins Neue Testament schauen, dann fallen drei Aspekte auf.

Erstens, im Schauen auf die Gegner Jesu können wir lernen, was Beten nicht heißt, wie wir in der Schriftstelle gehört haben, nämlich sich an die Straßenecken stellen, um von den Leuten gelobt zu werden. Wenn Beten so demonstrativ ist, besteht die große Gefahr, dass das eigentliche Gegenüber, Gott, den ich als „Du“ anrede, aus dem Blick gerät.

Zum zweiten, wenn wir auf die Jünger Jesu und die ersten Christen schauen, können wir lernen, das Beten auch nicht immer einfach ist. Im Lukasevangelium bittet einer der Jünger: Herr, lehre uns beten! Und der Apostel Paulus formuliert im Römerbrief: „wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen. Der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können.“

Als Vorbild im Beten, als den Beter schlechthin, stellt uns das Neue Testament Jesus vor Augen. An ihm können wir ablesen, was und wie Beten ist. Jesus spricht vom Beten, nicht nur an dieser Stelle, die wir gehört haben, sondern an vielen Stellen. Er bringt seinen Jüngern das richtige Beten bei, z.B. im Vaterunser.

Und, das dürfen wir nicht vergessen, er betet selbst. Immer wieder wird davon berichtet, dass er sich zum Beten zurückzieht auf einen Berg oder in die Einsamkeit, und gestärkt wiederkommt. Intensive Gebetsszenen sind von ihm überliefert, die bekannteste vielleicht sein Gebet in der Nacht der Verhaftung im Garten Gethsemani, wo er den Vater um Kraft anfleht.

An Jesus können wir ablesen, was Beten heißt: sich in die Beziehung zu Gott, dem Vater, hineingeben. IHN anrufen. Sich in SEINEN Willen hineinstellen.

Dazu braucht es nicht viele Worte, keine gelehrten Worte oder geschliffene Formulierungen. Was es braucht, ist nur das Vertrauen, dass Gott hört, dass er sich uns schon immer zugewandt hat. Unser Gebet ist dann nur der Versuch einer Antwort. Was es braucht, ist wenigstens der tastende Versuch, sich Zeit vor Gott zu nehmen, und das kann auch in Stille sein, dass ich einfach in Ruhe und ohne Worte vor Gott bin.

Hilfreich kann auch das Festhalten an überlieferten Gebeten sein. Sie sind wie ein Korb aus Worten, in den ich die eigenen Sehnsüchte, Ängste, Bitten hineinlege und so vor Gott bringen kann.

Zusammenfassend: beten heißt, sich in die Beziehung zu Gott hineinstellen, in diese Beziehung, aus der ich leben kann, die mich im Leben dreht, und die, so glauben wir, auch im Tod und über den Tod hinaus trägt. Diese Hoffnung wünsche ich Ihnen und uns allen, dass wir an die Kraft dieser Beziehung glauben können.

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