Das Gewissen

Es ist nicht zu leugnen, dass die Frage nach dem höchsten Maßstab sittlichen Handelns in der katholischen Kirche immer wieder umstritten war. Vor allem das Verhältnis zwischen Gewissensurteil und geschuldetem Gehorsam musste immer wieder neu bestimmt werden.

Die klassische Lehre vom Gewissen hat im Mittelalter Thomas von Aquin vorgelegt.

In jedem Menschen ist die Fähigkeit angelegt, Gut und Böse zu unterscheiden. Außerdem ist der Mensch frei genug, um das als gut Erkannte dann auch zu tun. Das Urteil des Gewissens ist verbindlich.

Um das allgemeine Gewissen von Gut und Böse auf eine konkrete Situation zu beziehen, braucht es den Verstand. Das bedeutet: Das Gewissensurteil im Einzelfall kann objektiv falsch sein, z.B. weil die Informationen, anhand derer das Gewissen urteilt, falsch oder unvollständig sind. Deswegen muss man sich immer um die Bildung des Gewissens und des Gewissensurteils bemühen.

Das II.Vatikanische Konzil hat in der Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ (Abschnitt 16) die Hochschätzung des Gewissens gelehrt. Das Gewissen ist das innerste Heiligtum im Menschen und die Stimme Gottes, der er gehorchen muss (der volle Wortlaut ist auf der Homepage des Vatikan einsehbar: http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651207_gaudium-et-spes_ge.html )

Daraus haben die Päpste im Katechismus der Katholischen Kirche die offizielle Lehre vom Gewissen formuliert. Der Wortlaut findet sich unter den Ziffern 1777 bis 1782 (auch online unter: http://www.vatican.va/archive/DEU0035/_P65.HTM )

Die Darlegung der Lehre der Kirche über das Gewissen gipfelt in der Schlussaussage: „Der Mensch hat das Recht, in Freiheit seinem Gewissen entsprechend zu handeln, und sich dadurch persönlich sittlich zu entscheiden. „Er darf also nicht gezwungen werden, gegen sein Gewissen zu handeln. Er darf aber auch nicht daran gehindert werden, gemäß seinem Gewissen zu handeln, besonders im Bereiche der Religion“ (DH 3).“

Diese Freiheit gilt selbstverständlich auch für kirchliche Amtsträger. Der Gehorsam, den die Gläubigen den Hirten, die Priester dem Bischof und die Bischöfe dem Papst schulden, ist daher als christlicher Gehorsam qualifiziert.

Der Idealfall ist, dass es keinen Unterschied gibt zwischen dem, was Jesus Christus sagt, und dem, was der Papst bzw. die Amtsträger sagen, so dass wir eigentlich dem Wort Gottes in Jesus Christus Gehorsam leisten. Ist dem nicht so oder können wir das nicht erkennen, ist das Recht und die Pflicht zu konstruktiver Kritik nicht aufgehoben (Codex des Kanonischen Rechts can. 212, §§2-3). Unbedingten Gehorsam schulden wir allein Gott. Und der Wille Gottes kommt in einem gebildeten Gewissen zu Wort (s. oben).

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