Das Gewissen

Es ist nicht zu leugnen, dass die Frage nach dem höchsten Maßstab sittlichen Handelns in der katholischen Kirche immer wieder umstritten war. Vor allem das Verhältnis zwischen Gewissensurteil und geschuldetem Gehorsam musste immer wieder neu bestimmt werden.

Die klassische Lehre vom Gewissen hat im Mittelalter Thomas von Aquin vorgelegt.

In jedem Menschen ist die Fähigkeit angelegt, Gut und Böse zu unterscheiden. Außerdem ist der Mensch frei genug, um das als gut Erkannte dann auch zu tun. Das Urteil des Gewissens ist verbindlich.

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Kirchenrechtliche Gedanken zu den wiederverheiratet Geschiedenen, Teil 13

Schwierigkeiten des c. 915 nach Riedel-Spangenberger

  • schwere Sünde (peccatum grave) ist ein moraltheologischer Begriff, der im Codex nicht definiert wird.
  • nach c. 18 sind Gesetze, die die freie Ausübung von Rechten einschränken, eng auszulegen => es müssen die drei Voraussetzungen (Schwere, Öffentlichkeit, Hartnäckigkeit) streng gewahrt sein
  • „schwer“, d.h. mit Bewusstsein und willentlicher Zustimmung => das von der Kirche objektiv festgestellte sittenwidrige Verhalten und die subjektive Erkenntnis der Sündhaftigkeit und die dennoch gegebene Zustimmung dazu müssen zusammenkommen
  • „öffentlich“: Außenstehenden muss bekannt sein, dass die Tat objektiv schlecht ist und der Sünder sich dessen bewusst ist und es trotzdem macht
  • „hartnäckig“: der schwere Sünder muss sicher unbußfertig in seiner Situation verbleiben wollen
  • es kann kein Recht auf Ehebruch, Trennung oder Scheidung geben, aber in der Tradition war seit Beginn eine Auflösung von Ehen wegen Unzucht oder zugunsten des Glaubens nach einer gewissen Zeit der Kirchenbuße möglich

Zum ersten Teil.

Kirchenrechtliche Gedanken zu den wiederverheiratet Geschiedenen, Teil 12

Die Tathaftung nach Lüdicke

Schwierigkeiten zur Interpretation von c. 915:

  • für den, der zum Sakramentenempfang zulassen soll, muss aufgrund außerhalb der Beichte gewonnener Einsichten sicher feststehen, wie der Fall genau liegt
  • der Begriff „Sünde“ wird im kanonischen Recht nicht definiert
  • gerade die Tatstrafen folgen dem Schuldprinzip (nulla poena sine culpa)
  • selbst bei einer Exkommunikation bzw. Interdikt kann das Recht des Täters an der Wahrung seines guten Rufs die Verweigerung des Sakraments aufheben => in keinem Fall hat der Amtsträger das Recht oder die Pflicht, dem Interdizierten oder Exkommunizierten ein Recht zu verweigern, erst nach amtlicher und öffentlicher Feststellung
  • im Disziplinarrecht gibt es Strafe ohne Feststellung der Schuld (z.B. dauernde Krankheit kann zur Absetzung eines Pfarrers führen)
  • im Sakramentenrecht ist die Disposition Voraussetzung des erlaubten Sakramentenempfangs => diese kann aber, außer bei der Beichte, vom Spender nicht überprüft werden => also hat er kein Recht, in foro externo Konsequenzen zu ziehen

Zum ersten Teil.

Kirchenrechtliche Gedanken zu den wiederverheiratet Geschiedenen, Teil 11

Ist die Unauflöslichkeit der Ehe ius divinum?

Merkmale von ius divinum im CIC 1083 (keine Definition!):

  • Unwandelbarkeit
  • Indispensabilität
  • universelle Geltung
  • Vor- und Überordnung über alles sonstige Kirchenrecht

=> trifft nicht auf die absolute Unauflöslichkeit zu, denn

  • sowohl das NT wie die Kirchenväter kennen Möglichkeiten der Auflösung der Ehe wegen Ehebruch/Unzucht oder zugunsten des Glaubens
  • die Weisung Jesu wurde im Laufe der Geschichte auf die sakramentale und vollzogene Ehe beschränkt
  • die Praxis der Orthodoxe Kirche, die Scheidung und Wiederheirat toleriert, wurde nie offiziell verurteilt

=> die Unauflöslichkeit der Ehe ist also weder unwandelbar, noch indispensabel noch universell geltend

Anwendung der aequitas canonica:

  1. Feststellen des „Todes der Ehe“ (analog zu c. 1707 – Verfahren bei Vermissten)
  2. Zulassung einer neuen Ehe (an c. 1085 vorbei)

Zum ersten Teil.

Kirchenrechtliche Gedanken zu den wiederverheiratet Geschiedenen, Teil 10

salus animarum und aequitas canonica

  • Rechtsgeschichte: nach der Tradition (Isidor von Sevilla, Gregor VII., Thomas von Aquin, Pius XII.) und nach c. 1752 ist das Heil der Seelen (salus animarum) das übergeordnete Prinzip des gesamten kanonischen Systems.
  • Grundlagen
    • die aristotelische Epikielehre (Thomas von Aquin, Suarez)
    • die römische aequitas, von Gratian weitergedacht (nicht Beliebigkeit, sondern der Sache gerecht werden)
    • die biblisch-patristische misericordia-Tradition, von Hostiensis, Paul VI., II.Vaticanum weitergeführt
  • Papst Paul VI.
    • aequitas canonica = zentrales Barmherzigkeitsmoment, um den grundlegenden pastoralen Zielen und Aufgaben des Kirchenrechts zum Heil der Seelen gerecht zu werden.
  • aequitas canonica im CIC 1983
    • nach c. 19 ist sie interpretatorisch (wie Epikie)
    • nach c. 1752 ist sie zentrales Anwendungsprinzip aller Normen

Zum ersten Teil.

Kirchenrechtliche Gedanken zu den wiederverheiratet Geschiedenen, Teil 9

Das oikonomia-Prinzip der orthodoxen Kirche

  • Oikonomia: Grundprinzip allen kirchlichen Handelns und die Intention des Gesetzes („der Mensch ist nicht für den Sabbat da, sondern der Sabbat für den Menschen“), die Anwendung der Oikonomia schafft nie eine Präzedenz, ist immer Einzelfall!
  • Die Ehe gilt als Mysterion der Liebe (der Priester ist Spender). Es liegt ein personales, dynamisches und prozesshaftes Eheverständnis vor. Hass und Hoffnungslosigkeit können unwiderruflich den Platz der Liebe im Leben eines Paares einnehmen, was bis hin zum Tod der Liebe führen und die Ehe in ihrem Bestand zweifelsohne noch entschieden härter als der physische Tod treffen kann, der seinerseits nicht die Substanz der Ehe, die Liebe nämlich, zerstört. Die orthodoxe Kirche bestätigt also nur formell, was in sich durch die Sünde bereits gelöst wurde.
  • Vorbild: Umgang Jesu mit der Ehebrecherin und dem Gesetz (Joh 8,3-5)
  • Oikonomia heißt also: die Ehe ist in sich unauflöslich, aber aufgrund der menschlichen Schwachheit hat Gott der Kirche die stellvertretende Vollmacht gegeben, dem Menschen, der in seiner Ehe gescheitert ist, eine neue Chance zu geben. Trotz Unauflöslichkeit der Ehe kann Scheidung und Wiederheirat zugelassen werden => absoluter Vorrang der Theosis des Menschen

Zum ersten Teil.

Kirchenrechtliche Gedanken zu den wiederverheiratet Geschiedenen, Teil 8

Überblick über verschiedene Lösungsansätze in der Literatur

1) Ansätze, die die erste Ehe ausklammern und von der (persönlichen) Disposition ausgehen

  • In foro interno: die Partner sind von der Ungültigkeit der ersten Ehe überzeugt, können dies in foro externo aber nicht beweisen.
  • Es liegt im Gewissen der Betroffenen bzw. es werden Gespräche angeboten, die zu einer Gewissensentscheidung führen sollen.
  • Puza plädiert für eine Anerkennung als Putativehe, weil die zweite Ehe keine Nichtehe sei und auch personal da sei.

2) Ansätze, die vom Scheitern der ersten Ehe ausgehen

  • Ausweitung der Binde- und Lösegewalt der Kirche auf alle Ehen, nicht nur auf „Naturehen“.
  • Ehen von „getauften Nichtgläubigen“ sind nicht in jedem Fall sakramental (und wenn nicht sakramental, dann auch nicht unauflöslich).
  • Ausgang vom Eheverständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils (GS): Geschlechtsverkehr in der Zweitehe ist nicht Bruch der ersten Ehe, da durch die Zerstörung der personalen Gemeinschaft das Recht auf Geschlechtsverkehr verwirkt ist, also entstehe auch keine schwere sittliche Schuld (zumal das göttliche Gebot schon durch die Scheidung und nicht erst durch die Wiederheirat verletzt ist)
  • Erneuertes Konzept des Ehevollzuges: wenn das umfassende gegenseitige Schenken nicht gegeben ist, gilt die Ehe als nicht-vollzogen => die Unauflöslichkeit der Ehe ist Aufgabe, nicht Wesenseigenschaft der Ehe
  • Theorie der Dispenserteilung ausweiten, wobei die Kirche wie im Fall von Ehelosigkeitsversprechen von Klerikern und Religiosen feststellen könnte, dass die Erfüllung der notwendigen Voraussetzungen einer Ehe nicht oder nicht mehr gegeben sind.

Zum ersten Teil.

Kirchenrechtliche Gedanken zu den wiederverheiratet Geschiedenen, Teil 7

Erklärung des päpstlichen Rates für Gesetzestexte (2000)

Der Wortlaut im Internet unter www.vatican.va

  • Die Situation betrifft den Gläubigen in seinem Gewissen selbst,
  • aber auch die Kirche, weil diese Personen „öffentlich unwürdig“ sind, also ein Ärgernis für Ehe und Eucharistie darstellen. Das Ärgernis besteht unabhängig davon, ob es tatsächlich Anstoß gibt.
  • Der can. 915, der den Kommunionempfang jenen verbietet, die „die hartnäckig in einer offenkundigen schweren Sünde verharren“, muss so verstanden werden: er trifft zu, wenn (1) eine objektive schwere Sünde vorliegt (subjektiv kann der Kommunionspender nicht beurteilen) (2) Hartnäckigkeit (3) offenkundige Situation der habituellen Sünde
  • Wer aus schweren moralischen Verpflichtungen (z.B. Kinder in der zweiten Ehe) sich nicht trennen kann, Buße empfangen hat und Enthaltsamkeit lebt, kann unter Vermeidung von Skandal die Kommunion empfangen.
  • Das Recht zur Verweigerung steht dem Priester zu, der mit Liebe und Festigkeit den Betroffenen gegenübertreten und ihnen die Gründe erläutern soll.
  • Es gibt davon keinen Dispens (weil göttliches Recht).
  • Dennoch soll die Teilnahme am kirchlichen Leben für diese Gläubigen gefördert werden

Zum ersten Teil.

Kirchenrechtliche Gedanken zu den wiederverheiratet Geschiedenen, Teil 6

Der Brief der Glaubenskongregation über den Kommunionempfang (1994)

  • Die Situation der wiederverheiratet Geschiedenen widerspricht objektiv dem Gesetz Gottes – daher kein Kommunionempfang möglich
  • Dieser Ausschluss ist nicht als Diskriminierung oder Strafe zu sehen, sondern ergibt sich aus der Situation: (a) widerspricht dem Bund zwischen Christus und der Kirche, der in der Eucharistie symbolisiert wird (b) könnte zu Irrtum über die Ehe führen
  • Ein Hinzutreten zum Kommunionempfang ist nur möglich bei: (1) Buße (2) Enthaltsamkeit (3) kein Ärgernis
  • Die Enzyklika „familiaris consortio“ ist verbindlich und nicht situativ auszulegen
  • Es ist keine Rede von Exkommunikation – pastorale Sorge, geistliche Kommunion usw. haben auch ihren Wert
  • Die Ehe ist öffentliche Wirklichkeit und Sakrament – eine private Gewissensentscheidung ist nicht möglich
  • Der empfohlene Ausweg: die Ehegerichte sollen die Nichtigkeit prüfen
  • Sakramentale Gemeinschaft mit Christus setzt Gehorsam gegenüber kirchlicher Ordnung voraus

Zum ersten Teil.