Die Krankensalbung

Ich habe mir vorgenommen, in Vorbereitung auf einen theologischen Gesprächsabend noch einmal gründlich das Buch von Eva-Maria Faber: Einführung in die katholische Sakramentenlehre, Darmstadt 2002 zu lesen und die Impulse, die mir daraus wichtig werden, in loser Folge hier vorzustellen.

Heute: Die Krankensalbung (S. 142 – 149)

Gottes Macht hört nicht da auf, wo die Möglichkeiten des Menschen aufhören. Dennoch fordert der Glaube zugleich zur Gestaltung des eigenen Lebens in Freiheit heraus. Die Kraft Gottes „wird in der Regel durch die menschliche Freiheit hindurch wirksam“ (S. 142), indem sich z.B. Einstellungen verändern, man sein Leben mit anderen Augen betrachtet. Krankheit und Krankensalbung sind daher ganzheitlich zu sehen, das Sakrament daher nicht als automatisch wirksame körperliche Therapie.
Krankensalbung steht unter dem Zeichen des Kreuzes, auch Situationen des Leidens können in die Gemeinschaft mit Christus führen.

Biblische Grundlegung
Die Annahme, Krankheit sei eine Strafe Gottes, wird in der Bibel immer mehr abgelehnt. Kranksein wird in Gebeten vor Gott gebracht. Jesus heilt Kranke und macht damit deutlich, dass Gott das ganzheitliche Heil des Menschen will. Nach Mk 6,13 gehört das Salben und Heilen von Kranken zu den Aufgaben der Jünger, wahrscheinlich war das Praxis der Gemeinde. Öl gilt als Heilmittel, in religiöser Sicht bewahrt es vor dem Tod und erhält das Leben. Jak 5,14f. fordert dazu auf, die Salbung und das Gebet durch die Ältesten der Gemeinde zu erbitten, verheißen werden Aufrichtung, Rettung und Sündenvergebung.

Theologiegeschichtliche Entwicklungen
In der frühen Kirche wurde Öl neben anderen Naturalien gesegnet, im 5.Jahrhundert wird die Salbung durch Presbyter von der durch die anderen Gläubigen unterschieden. Sie wird an Kranken vorgenommen, die in voller Gemeinschaft mit der Kirche stehen.
Im 8.Jahrhundert verschiebt sich die Krankensalbung ans Lebensende, weil sie analog zur Buße asketische Einschränkungen mit sich bringt. Schließlich wird sie mit der Sterbebuße verbunden und nur noch Sterbenden gespendet. Die seelischen Wirkungen werden betont. Der Name ändert sich in extrema unctio. Neben der Sündenvergebung ist in der Praxis das Lindern körperlicher Leiden dennoch immer noch präsent.
Luther und Calvin lehnen die Krankensalbung als Sakrament ab, das Konzil von Trient hält daran fest. Die strikte Einschränkung auf Sterbenskranke wird aber aufgehoben. Sündenvergebung, Aufrichtung, Stärkung und möglicherweise Heilung des Leibes werden als Wirkungen genannt.
Das II.Vaticanum löst das Sakrament noch etwas mehr vom Sterbeprozess, der Ritus wird erneuert und zielt auf Tröstung im Ertragen der Krankheit, aber auch auf deren Überwindung hin.

Systematische Entfaltung
Der Spender des Sakraments ist der Bischof oder Priester. Immer wieder wird gefordert, dass der Diakon oder Laie, der die seelsorgerliche Begleitung von Kranken übernommen hat, ebenfalls das Sakrament spenden dürfe, weil das Auseinanderfallen beider Vorgänge als unbefriedigend erlebt wird. Das Sakrament hat allerdings ein Mehr, eine Zusage der unmittelbaren Gottesbegegnung über menschliche Möglichkeiten hinaus, das zeichenhaft zu verwirklichen ist die Aufgabe des ordinierten Amtsträgers. Ein Absehen davon ist nach Meinung Fabers nicht sinnvoll.
Es gibt biblische wie theologische Gründe für ein Auseinanderhalten von Krankensalbung und Sterbesakrament. Dennoch darf die Krankensalbung auch für die Sterbephase in Betracht gezogen werden. Der gesellschaftlichen Tabuisierung des Todes soll nicht Vorschub geleistet werden. Außerdem ist die Wegzehrung, die Eucharistie, als Sterbesakrament, oft körperlich nicht mehr empfangbar. Leichtfertig sollte sie auch nicht gespendet werden, Kriterium ist die empfundene Schwere der Erkrankung, insbesondere dann, wenn der Kranke durch seine Situation in Glaubensnot gerät.
Jeder Abgrund und jedes Leid ist von Gott umfangen, so dass die Krankheit zur Gottesbegegnung werden kann. Die Krankensalbung stärkt dazu, im Vertrauen auf die Auferstehung „irdische Lebensmöglichkeiten loszulassen“ (S. 149), sie ist Ruf in die Nachfolge des Gekreuzigten.