Das Gewissen

Es ist nicht zu leugnen, dass die Frage nach dem höchsten Maßstab sittlichen Handelns in der katholischen Kirche immer wieder umstritten war. Vor allem das Verhältnis zwischen Gewissensurteil und geschuldetem Gehorsam musste immer wieder neu bestimmt werden.

Die klassische Lehre vom Gewissen hat im Mittelalter Thomas von Aquin vorgelegt.

In jedem Menschen ist die Fähigkeit angelegt, Gut und Böse zu unterscheiden. Außerdem ist der Mensch frei genug, um das als gut Erkannte dann auch zu tun. Das Urteil des Gewissens ist verbindlich.

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Rechtfertigung bei Martin Luther

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Bei Martin Luther

Martin Luther, so hat man festgestellt, hat Thomas von Aquin über seine Lehrer meist getreulich überliefert bekommen, in der Gnadenlehre jedoch nicht.

Er lehnt daher die Gnadenlehre, wie er sie in ihrer spätscholastischen Form über die via moderna kennenlernt, völlig ab. Besonders drei Aspekte sind ihm ein Dorn im Auge:

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Rechtfertigung von Augustinus bis Thomas

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Augustinus

Wichtig ist Augustinus: Die Gnade Gottes kommt zuvor (selbst vor der Sehnsucht nach ihr) und wirkt. Die bleibende Widerwilligkeit gegen Gott wird zeitlebens nicht überwunden, aber auch nicht angerechnet. Was die Mitwirkung des Menschen angeht, so legt Augustinus Wert darauf, dass die Gnade Gottes mit uns zum Heil beiträgt, nicht umgekehrt, d.h. die Mitwirkung des Menschen steht an zweiter Stelle.

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Der vierfache Schriftsinn in der Bibelauslegung

Thomas von Aquin unterscheidet zwei prinzipielle Bedeutungsebenen, die in jedem Wort der Schrift drinstecken: (a) die buchstäbliche bzw. historische Bedeutung und (b) die geistliche. Letztere enthält in sich (b1) die allegorische, (b2) die ethische und (b3) die eschatologische Bedeutung, so dass schließlich vier Schriftsinne unterschieden werden.

Thomas weist der buchstäblichen Bedeutungsebene den höchsten Rang zu, die anderen beruhen auf ihr und haben nur nachgeordnete Bedeutung. Allein die buchstäbliche Bedeutungsebene ist für den Glauben notwendig. Die anderen sind höchstens erbaulich.

Als Beispiel soll „Jerusalem“ genannt werden:

  1. buchstäblich: die Hauptstadt Israels
  2. allegorisch: die Kirche
  3. ethisch: die menschliche Seele
  4. eschatologisch: die zukünftige Heimat in der Vollendung bei Gott

Hier meine Übersetzung von Summa theologiae I, 1, 10 (lat. Text unter www.corpusthomisticum.org):

Argument 1: Es scheint, dass die heilige Schrift unter einem Wortsinn nicht mehrere Bedeutungsebenen haben sollte, das heißt, den historischen oder buchstäblichen Sinn, den allegorischen, den tropologischen oder moralischen, und den anagogischen. Denn die Mehrdeutigkeit der Sinndeutungen in der einen Schrift öffnet der Verwirrung und Täuschung Tor und Tür, und nimmt die Festigkeit im Argumentieren weg. Daher geht aus der Vielzahl der Deutungen keine (richtige) Beweisführung hervor, sondern nur irgendwelche Täuschungen. Die heilige Schrift muss aber die Wahrheit wirksam zeigen können ohne jede Täuschung. Folglich dürfen in ihr unter dem einen Wortlaut nicht mehrere Bedeutungsebenen überliefert werden.

Argument 2: Weiter sagt Augustinus (De util. cred.), dass die Schrift, welche Altes Testament genannt wird, auf vierfache Weise überliefert wird, d.h. auf historische, ätiologische, analoge und allegorische Weise. Diese vier scheinen freilich ganz anders als die vorgenannten vier zu sein. Es scheint folglich nicht günstig, dass derselbe Wortlaut der heiligen Schrift nach den vorgenannten vier Bedeutungsebenen ausgelegt wird.

Argument 3: Weiter ist neben den genannten Bedeutungsebenen (auch noch) eine gleichnishafte Bedeutungsebene zu finden, welche in jenen vier Bedeutungsebenen nicht enthalten ist.

Andererseits: Gregor sagt (in Moral. XX), dass die heilige Schrift durch ihre sprachliche Gestalt alle Wissenschaften übersteigt, da aus jedem Ausdruck, während er eine Tatsache erzählt, ein Mysterium hervorgeht.

Ich sage: Der Autor der heiligen Schrift ist Gott, in dessen Macht es ist, nicht nur in sprachliche Äußerungen hineinzulegen, was er mitteilen will (das kann auch der Mensch), sondern sogar in die Dinge selbst. Und daher, während in allen Wissenschaften sprachliche Äußerungen Bedeutung tragen, ist es dieser Wissenschaft zu eigen, dass die Dinge, die durch sprachliche Äußerungen bezeichnet werden, selbst (noch einmal) etwas bedeuten. Folglich gehört die erste Mitteilung, durch welche die sprachlichen Äußerungen die Sache bezeichnen, zur ersten Bedeutungsebene, das ist die historische oder buchstäbliche Bedeutungsebene (sensus historicus vel litteralis). Jene Mitteilung aber, in der die Dinge, welche durch sprachliche Äußerungen bezeichnet werden, selber wieder etwas anderes bedeuten, nennt man geistliche Bedeutungsebene (sensus spiritualis). Diese fußt auf der buchstäblichen Bedeutungsebene und setzt diese voraus. Diese geistliche Bedeutungsebene wird auf dreifache Weise aufgeteilt. So sagt es nämlich der Apostel (Paulus) in Hebr. 7: das alte Gesetz ist ein Vorausbild des neuen Gesetzes, und das neue Gesetz selbst, wie Dionysius in eccl. hier. sagt, ist ein Vorausbild der künftigen Herrlichkeit; auch im neuen Gesetz sind die Dinge, die in unserem Haupt (= Christus) getan wurden, Zeichen für die Dinge, die wir tun müssen. Demgemäß bezeichnen die Dinge, welche zum alten Gesetz gehören, Dinge, die zum neuen Gesetz gehören, das ist die allegorische Bedeutungsebene (sensus allegoricus), nach der aber die Dinge, die in Christus gemacht sind, oder in denen, die Christus bezeichnen,  Zeichen (wiederum) von den Dingen sind, die wir tun müssen. Das ist die ethische Bedeutungsebene (sensus moralis). Genauso bezeichnen sie aber die Dinge, welche in der ewigen Herrlichkeit sind. Das ist die eschatologische Bedeutungsebene (sensus anagogicus). Weil aber die buchstäbliche Bedeutungsebene die ist, die der Autor beabsichtigt, der Autor aber der heiligen Schrift Gott ist, der alles zugleich mit seinem Verstand erfasst, ist es nicht unangemessen, wie Augustinus in Confess. XII sagt, wenn auch nach dem buchstäblichen Sinn ein Wort der Schrift mehrere Bedeutungsebenen hat.

Zum  Argument 1: Die Vielzahl dieser Bedeutungsebenen schafft keine Zweideutigkeit oder Vieldeutigkeit, weil, so wie schon gesagt worden ist, die Bedeutungsebenen nicht vermehrt werden deswegen, weil eine sprachliche Äußerung von sich aus mehrere Dinge bedeutet, sondern weil die Dinge, die durch sprachliche Äußerungen bezeichnet werden, Zeichen für andere Dinge sein können. Und so folgt auch keine Verwirrung in der heiligen Schrift daraus, weil alle Bedeutungsebenen auf eine gegründet sind, nämlich die buchstäbliche. Und aus ihr allein kann ein Beweis genommen werden, nicht aber aus denen, welche nach der Allegorie benannt werden, wie Augustinus sagt (in Ep. contra Vinc.). Dennoch geht daraus nichts von der heiligen Schrift verloren, weil nichts, was in der geistlichen Bedeutungsebene enthalten ist, für den Glauben notwendig ist, was die Schrift nicht an anderer Stelle buchstäblich weitergibt.

Zum Argument 2: Jene drei Bedeutungsebenen, die historisch, ätiologisch, analog (genannt werden), gehören zu der einen buchstäblichen Bedeutungsebene. Denn die Geschichte ist, wie Augustinus selbst darlegt, wenn einfach etwas vorgestellt wird, die Ätiologie aber, wenn die Ursache des Genannten dazugelegt wird, so wie der Herr den Grund dafür angab, warum Mose es erlaubte, die Frauen aus der Ehe zu entlassen, nämlich wegen der Härte ihrer Herzen (Mt 19). Die Analogie aber ist, wenn man zeigt, dass die Wahrheit der einen Schriftstelle nicht der Wahrheit einer anderen widerspricht. Allein die Allegorie unter diesen vier steht für die drei geistlichen Bedeutungsebenen. So fasst auch Hugo von St.Viktor unter die allegorische Bedeutungsebene auch die anagogische, wenn er in Sent. 3 nur drei Bedeutungsebenen aufstellt, nämlich die historische, die allegorische und die tropologische.

Zum Argument 3: Die gleichnishafte Bedeutungsebene ist in der buchstäblichen enthalten, denn durch sprachliche Äußerungen wird etwas auf eigentümliche Weise bezeichnet und zugleich auf metaphorische Weise. Die Metapher ist auch nicht selbst die buchstäbliche Bedeutungsebene, sondern das, was mit der Metapher gemeint ist. Wenn die Schrift z.B. den „Arm Gottes“ erwähnt, dann ist die buchstäbliche Bedeutung nicht die, dass an Gott irgendein Körperglied ist, sondern das, was mit diesem Glied gemeint ist, d.h. die Kraft zu handeln. Daraus geht hervor, dass hinter dem buchstäblichen Sinn der heiligen Schrift niemals etwas Falsches stecken kann.